MPFL - REKONSTRUKTION

Das MPFL ist der wichtigste passive Stabilisator des patellofemoralen Gelenks. Eine unzureichende Funktion spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der patellofemoralen Instabilität. Nach heutigem Wissensstand wird eine MPFL-Ruptur oder -Insuffizienz als Grundvoraussetzung für die patellofemorale Instabilität angesehen. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass bei über 90% der Patienten mit stattgehabter Patellaluxation ein rupturiertes oder insuffizientes MPFL vorliegt. Hierbei muss zwischen einer akuten, frischen Ruptur nach traumatischem Luxationsereignis und einer chronischen Insuffizienz bzw. MPFL-Unterentwicklung bei Patienten mit schon länger bestehenden habituellen Patellaluxationen unterschieden werden. Bei letzterer Patientengruppe kann eine Vielzahl von prädispositionierenden Faktoren zugrunde liegen. Es ist essentiell, diese bei der Auswahl des Behandlungsverfahrens zu kennen und zu berücksichtigen. Zu diesen Faktoren gehören hauptsächlich die Trochleadysplasie, die Patella alta, eine Valgusdeformität sowie ein Innenrotationsfehler des Femur, seltener ein Außenrotationsfehler der Tibia. Zudem spielt auch die korrekte Rupturlokalisation des MPFL patellar bzw. femoral für das Reluxationsrisiko bei der Therapieplanung eine wichtige Rolle.

Für die korrekte Indikationsstellung zur Rekonstruktion des MPFL ist daher die Anamnese, klinische Untersuchung sowie die bildgebende Diagnostik entscheidend, um das Vorliegen bzw. die Ausprägung der o.g. auslösenden Faktoren herauszufiltern. Als weitere Orientierung kann der PISS (Patella Injury Severity Score) herangezogen werden, bei dem jedem prädispositionierendem Faktor ein Punktewert zugeordnet wird und die Summe ein das Reluxationsrisiko einschätzen kann.

Indikation für eine MPFL-Rekonstruktion

Eine MPFL Rekonstruktion kann sowohl isoliert, als auch in Kombination mit weiteren Verfahren indiziert sein. Die isolierte MPFL-Rekonstruktion findet Anwendung bei Patienten mit traumatischer isolierter Ruptur des MPFL ohne eine der o.g. Begleitpathologien mit anhaltender Instabilität und Rezidivluxationen. Bei der rein traumatischen Patellaluxation kommt es durch ein direktes Anpralltrauma zur Patelladislokation und Ruptur des MPFL ohne Vorliegen eines prädispositionierenden Faktors. Dieser Unfallmechanismus ist jedoch von eher untergeordneter Zahl und liegt bei ca. 5-7% aller Patellaluxationen vor.

Nach einem frischen Luxationsereignis ist das Erkennen von osteochondralen Absprengungen an der medialen Patellafacette bzw. an der lateralen Femurkondyle im Sinne einer contre-coup-Verletzung von besonderer Wichtigkeit. Diese treten bei ca. einem Viertel aller Patellaerstluxationen auf. In diesem Fall besteht die klare Empfehlung zur zeitnahen operativen Versorgung mit Refixation des osteochondralen Flakes und MPFL-Rekonstruktion. Ohne zusätzliche osteochondrale Verletzungen kann ggf. zunächst konservativ bzw. bei entsprechender Indikation, erst im zeitlichen Intervall operativ vorgegangen werden. Von einer sofortigen operativen Versorgung im akuten posttraumatischen Zustand ist jedoch abzuraten. Ebenfalls sehr wichtig bei der Beurteilung des primären MRTs nach Luxationsereignis ist die Unterscheidung zwischen femoralen und patellären Abrissen des MPFL. Bei femoralen Abrissen hat sich gezeigt, dass das Risiko für eine Re-Luxation im Vergleich zu patellären Ausrissen deutlich höher ist. Somit sollte bei einem femoralen MPFL-Ausriss eher die operative Rekonstruktion angestrebt werden.

Bei Patienten mit chronischer MPFL-Insuffizienz und nur mild ausgeprägter Trochleadysplasie (Typ A nach Dejour) kann durch die isolierte Rekonstruktion des MPFL eine ausreichende Stabilisierung der Patella erzielt werden. Dies ist bei dem Großteil der Patienten mit Patellaluxation der Fall. Insgesamt finden sich bei bis zu 96% der Fälle mit patellofemoraler Instabilität mehr oder weniger ausgeprägte Formen der Dysplasie. Bei Patienten mit einer geringgradigen Trochleadysplasie besteht eine Instabilität im strecknahen Bereich von 0° bis ca. 20° Knieflexion. Bei zunehmenden Flexionsgraden wird die Patella durch das Eintauchen in die trochleäre Gleitrinne knöchern stabilisiert. Durch die korrekte anatomische Rekonstruktion des MPFL kann daher die Instabilität im strecknahen behoben werden. Die primär operative Versorgung bei dieser Patientengruppe wird insbesondere bei Patienten mit femoralen MPFL-Ausrissen empfohlen.

Während sich die Effizienz der MPFL-Rekonstruktion bei Erwachsenen Patienten in den letzten Jahren bewiesen hat, stellt diese bei Kindern oder Jugendlichen mit noch offenen Epiphysenfugen eine Herausforderung dar. Von entscheidender Bedeutung ist die MPFL-Insertionsstelle um die distale femorale Epiphyse, da diese zu 70% an das Femurwachstum und zu 37% an das Wachstum der unteren Extremität beteiligt ist. Hierbei sollen Operationsverfahren gewählt werden, welche eine Verletzung der Wachstumsfuge femoral vermeiden. Dies muss intraoperativ streng überwacht werden. Bei höher gradigen knöchernen Anomalien kann eine isolierte MPFL-Rekonstruktion unter sehr strengen Bedingunge indiziert werden. Wichtig hierbei ist jedoch die enge Patientenanbindung im postoperativen Verlauf um die nachfolgenden notwendigen Korrekturoperationen nach Wachstumsabschluss nicht aus den Augen zu verlieren. Mögliche Operationsverfahren in diesen Fällen werden im Kapitel Operationstechnik beschrieben.

Liegt eine Patella alta, mit sogenanntem positivem Engagement, d.h. Kontakt zwischen Patella und trochleärem Gleitlager vor, so ist eine Stabilisierung mit einer isolierten MPFL-Rekonstruktion indiziert. Dadurch wird die Patella im luxationsgefährdeten strecknahen Bereich, welcher durch den Patella-Hochstand vergrößert ist, stabilisiert.

Kontraindikation für eine MPFL-Rekonstruktion

Wie bereits zuvor erwähnt ist die MPFL-Rekonstruktion keine Notfallindikation. Einzelne Autoren postulieren, die operative Versorgung frühestens ab dem zweiten oder dritten Luxationsereignis vorzunehmen. Insbesondere bei geplanten Kombinationseingriffen mit knöchernen Korrekturen von prädisponierenden Faktoren, sollte eine ausreichende Abschwellung, ein verbesserter Bewegungsumfang als unmittelbar posttraumatisch, sowie die volle Belastbarkeit vor einer Operation erreicht werden.

Für einen konservativen Therapieversuch kommen Patienten nach traumatischer Patellaluxation ohne prädispositionierende Begleitpathologie sowie Patienten nach dem Erstereignis einer Patellaluxation mit nur milder Trochleadysplasie in Frage. Das in der Literatur angegebene Reluxationsrisiko variiert jedoch stark und liegt zwischen 15-44%. Dieses hängt stark von der Risslokalisation des MPFL ab. Neueste Ergebnisse zeigen, dass ein konservativer Behandlungsversuch bei patellären Ausrissen zu guten Ergebnissen führen kann. Als Grundvoraussetzung für ein konservatives Vorgehen ist hier immer der Ausschluss von osteochondralen Verletzungen. Als Verfahren stehen die primäre Naht, die Refixation des frisch rupturierten MPFL mit bioresorbierbaren Fadenankern, die anatomische Rekonstruktion des MPFL mit autologem Gracilistransplantat zur Auswahl oder die “Umkehrplastik“ mit der Sehne des M. adductor magnus.

Die Herausforderung bei der Indikationsstellung, für ein operatives Vorgehen besteht darin, eine ausreichende Stabilisierung der Patella zu erreichen, ohne eine Druckerhöhung auf die femoropatellare Gelenkfläche zu provozieren. Zur Auswahl des optimalen Operationsverfahrens bei Patienten mit stattgehabter Patellaluxation müssen die zugrunde liegenden Begleitpathologien korrekt erkannt und eingeordnet werden. Folgende Risikofaktoren müssen hierbei bedacht werden:

    • Auslösendes Ereignis (Bagatelltrauma, chronische habituelle Patellaluxation ohne adäquates Trauma)
    • Alter bei Erstluxation < 14 J
    • Instabilität oder Luxation auf der Gegenseite
    • Mehrfache Luxationsereignisse
    • Positive Familienanamnese
    • Mädchen > Jungen

Liegt kein adäquates traumatisches Ereignis vor und treffen mehrere der o.g. Punkte zu, ist von einer höhergradigen, statisch bedingten Instabilität mit ossärer Pathomorphologie auszugehen. Das Reluxationsrisiko ist in diesen Fällen sehr hoch. Hier ist die operative Stabilisierung in Kombination mit einer Korrektur der bestehenden Begleitpathologie indiziert.

Auf dem Weg zur Verfahrensauswahl für den jeweiligen Patienten werden Zusatzinformationen durch die klinische Untersuchung sowie die radiologische Diagnostik benötigt:

Hinweise für das Vorhandensein von ossären Risikofaktoren bei der klinischen Untersuchung sind eine bei der Inspektion im Stehen auffallende Valgusstellung, ein positives Apprehension-Sign bei Knieflexion über 30° hinaus sowie ein positives J-Sign bei über 30° Knieflexion. Insbesondere das reversed J-Sign spricht für das Vorliegen einer ausgeprägten ossären Pathologie. Dieses Phänomen beschreibt das Eingleiten der zuvor lateralisierten Patella in die Trochlea beim Übergang von Extension in Flexion, was durch eine angewöhnte Trickbewegung erreicht wird. Ebenso ist ein erhöhter Patella-Shift und -Tilt ein Hinweis-Zeichen. Besteht bei einem Patienten eine ausgeprägte Patella alta, ist dies bei Knieflexion von 80° auch von außen klinisch erkennbar.

Treten diese Zeichen bei der klinischen Untersuchung auf, sollte keine alleinige MPFL-Plastik vorgenommen werden.

Ein weiteres diagnostisches Kriterium besteht in der Differenzierung zwischen Beschwerden, die durch eine patellofemorale Instabilität oder durch patellofemorale Schmerzen verursacht werden. Der vordere Knieschmerz tritt häufig bei Patienten mit schon länger bestehender Problematik auf, die ggf. schon voroperiert sind, und kann ein Hinweis auf eine Patellofemoralarthrose sein.

Die isolierte MPFL-Rekonstruktion kann in dieser Situation zu einer Verschlimmerung führen, da der Patellafirst ggf. in den arthrotisch veränderten Bereich der Trochlea gedrückt würde.

Wann sollte eine isolierte MPFL-Rekonstruktion überdacht werden?

In der obligat durchzuführenden MRT werden Grad der Trochleadysplasie sowie ein vermehrter Patella-Tilt und -Shift beurteilt sowie der TTTG vermessen. Zudem kann der Zustand des femoropatellären Gelenkknorpels eingeschätzt werden. Beim klinischen Verdacht auf eine hochgradige Valgusfehlstellung und persistierender patellofemoraler Instabilität über 60° Knieflexion müssen ergänzend Ganzbeinstandaufnahmen sowie ggf. ein Rotations-CT angefertigt werden. So kann das Vorliegen von Achsdeformitäten erkannt werden.

Zeigt sich eine höhergradige Trocheldysplasie (Dejour Typ B-D) mit klinischer Instabilität zwischen 30° und 60° Knieflexion, ist die Korrektur der zugrunde liegenden ossären Pathomorphologie durch eine Trochleaplastik indiziert. Hierbei wird eine trochleäre Gleitrinne für die Patella geschaffen. Ergänzend hierzu soll eine MPFL-Rekonstruktion vorgenommen werden, um eine korrekte Zentrierung der Patella sowie die Stabilität im strecknahen Bereich zu gewährleisten. Wenn der bei Trochleadysplasie Typ C und D bestehende knöcherne Bump belassen würde, führte eine isolierte MPFL-Plastik bei dysplastischem Gleitlager jedoch zu einer massiven Erhöhung des patellofemoralen Anpressdrucks. Dies kann für den Patient die Entstehung eines patellofemoralen Schmerzsyndroms bedeuten und die Entwicklung einer Patellofemoralarthrose deutlich beschleunigen.

Bei Patella alta ohne Engagement zwischen der proximalen Trochlea und Patellarückfläche Patellahochstand mit einem Index von > 1,3 nach Caton Deschamp muss zunächst durch einen Versatz der Tuberositas tibiae das Engagement erreicht werden. In einem zweiten Schritt wird die patellofemorale Stabilität durch eine MPFL-Rekonstruktion gesichert.

Bei ausgeprägter Valgusstellung über 5° oder einem Innenrotationsfehler des Femur über 20°/29° (bzw. einer tibialen Außenrotation über 40°) ist eine ausreichende Stabilisierung der Patella mittels MPFL-Rekonstruktion allein gar nicht möglich. Das MPFL ist bei diesen massiven Achsdeformitäten nicht im Stande die Patella zu zentrieren. Außerdem würde sich auch hier der patellofemorale Anpressdruck zwischen Patella und lateraler Femurkondyle deutlich erhöhen und die Entstehung einer patellofemoralen Arthrose begünstigen. In diesen Fällen ist eine distale varisierende Femurosteotomie bzw. eine distale Derotationsosteotomie des Femurs indiziert. Wie bei der Trochleaplastik soll ergänzend die MPFL-Rekonstruktion vorgenommen werden.

Wie bereits angesprochen, ist die isolierte MPFL-Rekonstruktion bei Patienten mit einer patellofemoralen Arthrose nicht indiziert, da hierbei der patellofemorale Druck weiter erhöht wird und die Arthrose zunehmen würde. Hier muss entweder eine Tuberositasosteotomie oder der Oberflächenersatz des trochleären Gleitlagers und, bei vorliegender Instabilität, die nachfolgende MPFL-Plastik erwogen werden.

Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Patienten mit einer patellofemoralen Problematik ist bereits voroperiert. Nach stattgehabter Tuberositasmedialisierung bzw. dem früher häufig durchgeführten lateral release müssen hier häufig Kombinationseingriffe wie die MPFL-Rekonstruktion mit Tuberositas-Rückversatz und/oder lateraler Erweiterungsplastik durchgeführt werden.

Operationstechnik – MPFL nach Schoettle

Lagerung

Rückenlagerung, Anlage einer Blutleere (250mmHg), Lagerung des Beins im elektrischen Beinhalter (Abb. 1).

MPFL

Abbildung 1: Lagerung

Arthroskopie

Initial erfolgt eine Arthroskopie zur Beurteilung der Knorpelsituation sowie der Trochleamorphologie und zur Entfernung bestehender Vernarbungen.

Transplantatentnahme und Präparation der Gracilissehne

Nach Beendigung der Arthroskopie erfolgt Die Entnahme der Gracilisehne. Wir entnehmen diese über eine Hautinzision im Bereich des Pes anserinus. Die entnommene Sehne wird von Muskelgewebe befreit und auf beiden Seiten mit einem resorbierbaren Faden auf eine Länge von 10 mm angeschlungen (Abb. 2). Sie sollte für eine suffiziente Rekonstruktion eine Länge von 18 -20cm besitzen.

Abbildung 2: Präparation der Gracilissehne

Präparation der patellären Insertionsstelle

Da die patelläre Insertionsstelle des MPFL von der superomedialen Ecke der Patella bis zur Mitte der Patellafacette reicht, erfolgt eine 2 cm lange Hautinzision über diesem Bereich. Um eine direkte, anatomische („aperture fixation“) Fixation an der Patella zu erreichen, müssen die freien Enden des Grafts direkt in der Patella versenkt werden. Dazu werden 2 Bohrdrähte – einer in die medioproximale Ecke der Patella und einer 15–20 mm distal davon – in die Patella gebohrt (Abb. 3) und mit einem kanülierten 4.5-mm-Bohrer auf eine Tiefe von 20 mm überbohrt (Abb. 4). Wichtig ist hierbei, die Bohrrichtung schräg absteigend und parallel zu führen, um einen proximalen „blowout“ beim Überbohren oder eine Fraktur der Schwachstelle durch Zusammelauf der Bohrlöcher zu vermeiden.

Abbildung 3 und 4: Setzen der 2 Bohrdrähte und Überbohren mit einen 4mm Bohrer

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Transplantatfixation Patella

Beide Sehnenenden werden mit einem „knotless anchor“ in der Patella anatomisch und direkt fixiert (Abb. 6). In gleicher Art und Weise wird dann das andere Sehnenende im zweiten patellären Bohrloch fixiert. Damit entsteht an der Patella die gewünschte Zwei-Bündel-Konstruktion (Abb. 7).

Transplantatfixtion
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Abbildung 5 und 6: Einfädeln der Sehnenenden und Fixierung an der Patella

Abbildung 7: Zwei-Bündel-Rekonstruktion

Präparation der Gewebeschicht

Es ist bekannt, dass das MPFL in der zweiten Schicht des medialen patellofemoralen Komplexes zentral des M. vastus medialis obliquus (VMO) verläuft. Um diese zu präparieren, wird der zentrale Teil des VMO dargestellt und mit einer Schere die darunter liegende Schicht in Richtung des medialen Femurkondylus präpariert (Abb. 8), wobei darauf zu achten ist, dass die noch tiefer liegende Kapsel intakt bleibt und das Gelenk nicht eröffnet wird. Nachdem die Schicht mit geöffneter Schere erweitert wurde, führt man einen Overhold ein und tastet damit das anatomische, femorale Insertionsareal des MPFL, das sich zwischen dem tuberculum adductorium und dem Epicondylus medialis befindet (Abb. 9). Über der Overhold-spitze wird in 30° Knieflexion eine Stichinzision durchgeführt und eine Fadenschlinge eingezogen (Abb. 10 und 11).

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Abbildung 8 und 9: Präparation der Schicht mit der Schere, Einführen eines Overholds, Auffinden der femoralen Insertionsstelle

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Abbildung 10 und 11: Eine Fadenschlinge wird in die zweite patellofemorale Schicht eingezogen und mit einer Klemme gesichert.

Präparation der femoralen Insertionsstelle

Ein Bohrdraht mit Öse wird in der Region der femoralen Insertionsstelle eingebracht (Abb.12.) und knochennah mit einer Klemme markiert. Die Eintrittsstelle des Drahts wird in einer streng seitlichen Aufnahme unter Verwendung eines Bildwandlers überprüft (Abb. 13). In einer früheren Studie wurde die anatomische Insertionsstelle im Bereich der Verlängerung der posterioren Kortikalis des Femurs, zwischen dem proximalen Ansatz des medialen Epikondylus sowie dem posteriorsten Punkt der Blumensaat- Linie beschrieben (Abb. 14). Sollte die Lage des Bohrdrahts nicht anatomisch sein, muss diese angepasst werden, da eine nichtanatomische femorale Fixierung postoperativ zu einem erhöhten patellofemoralen Druck führen kann. Sobald die Lage des Zieldrahts physiologisch ist, wird er nach lateral durchgebohrt und mit einem 6 mm Bohrerbis zur Gegenkortikalis überbohrt. Der Zieldraht verbleibt in situ.

Abbildung 14: Schema der femoralen MPFL-Insertion in einem gedachten Viereck vor der Tangentialen zur posterioren Kortikalis und zwischen dem posterioren Punkt der Blumensaat-Linie und dem Beginn des medialen Femurkondylus (Schottle et al. 2007)

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Abbildung 12 und 13: Einführen eines Bohrdrahtes in den Bereich der femoralen Insertionsstelle und genaue Identifikation unter Bildwandlerkontrolle.

Transplantatfixation femoral

In der vorher entstandenen Transplantatschlaufe wird ein Durchzugsfaden eingelegt (Abb. 15) und das Transplantat wird mit der vorgelegten Fadenschlinge durch die zweite Schicht zur femoralen Insertion ausgezogen (Abb. 16 und 17). Über den noch liegenden Bohrdraht wird ein Nitinoldraht vorgelegt und die Fadenschlinge des Transplantats mittels Bohrdraht nach lateral ausgeleitet (Abb. 18 und 19). Dann wird das Transplantat in das femorale Bohrloch eingezogen und mit einer bioresorbierbaren Interferenzschraube (in der Regel eine Biointerferenzschraube 6×23 mm) in 30° Knieflexion fixiert (Abb. 20). Dabei ist darauf zu achten, dass die laterale Patellafacette auf der gleichen Höhe wie der laterale Femurkondylenrand liegt und kein Zug auf das Transplantat ausgeübt wird, um keine Erhöhung der patellofemoralen Anpressdruckes zu erzeugen.

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Abbildung 15 bis 20: Einlegen des Durchzugsfaden in die Transplantatschlaufe, Einzug in die vorher präparierte Schicht, Einfädeln in die Öse des Bohrdrahtes, Vorlage eines Nitinoldrahtes in das Bohrloch. Durch das Ausleiten des Bohrdrahtes nach lateral wird das Transplantat in den femoralen Kanal eingezogen. Abschließend Setzen der BI-Schraube über den Nitinoldraht und Fixierung in 30° Flexion.

Der volle Bewegungsumfang und die Patellalstabilität werden bei liegendem Schraubenzieher überprüft, um das MPFL nochmals neu zu fixieren, sollten sich Krepitationen oder Instabilitäten beider Überprüfung zeigen.

Technik bei noch nicht verschlossenen Epiphysenfugen

Femorale Insertion distal der Wachstumsfuge

Die femorale MPFL-Insertion wurde distal der Insertion des M. adductor magnus und proximal der MCL beschrieben und befindet sich somit sehr nah an der distalen femoralen Wachstumsfuge. Unterschiedliche Meinungen bestehen jedoch ob diese Stelle eher distal oder proximal der Wachstumsfuge liegt. In letzterem Fall könnten bei weiterem Knochenwachstum eine proximale Migration der Knochenfixation und somit eine übermäßige Spannung des Transplantates, ein Verlust der Isometrie und eine Bewegungseinschränkung resultieren. 

Ladenhauf et al. stellten ein mögliches operatives Verfahren vor, mit dem eine Verletzung der offenen Epiphysenfuge bei Jugendlichen verhindert werden soll. Dabei wird intraoperativ, fluoroskopisch assistiert, in anterior-posterioren Strahlengang ein Führungsdraht 5-7 mm distal der medialen Wachstumsfuge und im seitlichen Strahlengang im Bereich des Punktes nach Schöttle nach distal in Richtung des Kniegelenkes gebohrt. Zu beachten ist, dass in lateraler Aufnahme die Insertionsstelle aufgrund des nicht linearen Verlaufs der Wachstumsfuge fälschlicherweise proximal dieser erschienen kann. Danach erfolgt die Bohrung des Kanals mit einem Durchmesser von 6mm und einer Tiefe von 15 bis 20mm.  Die Gracilissehne wird dann mittels Tenodese-Schraube fixiert. Die patelläre Fixation erfolgt in üblicher Weise.

Epiphysenfugen

Abbildung 21: Modifizierte Technik zur MPFL-Rekonstruktion bei nch verschlossenen Epiphysenfugen. Fixierung der zwei Sehnenenden an der superomedialen Patella und distal der Epiphysenfuge mit Bohrrichtung nach distal

Adduktor-magnus Umkehrplastik

Eine weitere Möglichkeit zur Patellastabilisierung ohne eine femorale Bohrung durchzuführen ist durch die Benutzung der Adduktor-magnus-Sehne gegeben. Dabei wird mit Hilfe einer ca. 15 cm langen medialen Inzision zuerst der M. vastus medialis nach anterior angehoben. Danach erfolgt durch stumpfe digitale Präparation das Aufsuchen des MPFL. Dieses wird femoral abgesetzt um später refixiert zu werden. Als nächster Schritt wird die Insertion der Sehne des M. adductor magnus am tuberculum adductorius aufgesucht und soweit nach proximal präpäriert bis sie ca. 8 cm proximal des Ansatzes getrennt werden kann. Im Anschluss wird das vorher abgesetzte MPFL am Periost des medialen Epikondylus refixiert. Als letzter Schritt wird die Sehne des Adduktor magnus über das mediale Retinakulum umgeschwenkt und an der medialen Patella, als Augmentation des MPFL, mit resorbierbaren Fäden genäht.  Ein weitere Option ist die Sehne durch einen quer durch die Patella von medial nach lateral gebohrten Kanal zu führen und dort zu mit Fäden zu fixieren.

Abbildung 22: Technik zur Patellastabilisierung mit Hilfe der Adduktor-magnus-Sehne

Empfohlene Nachbehandlung

Zur Wundheilung ist die Teilbelastung auf bis zu 20 kg limitiert. Da die „aperture fixation“eine sofortige stabile Sehnen-Knochen-Fixierung gewährleistet, können ab dem 1. postoperativen Tag aktive Quadrizepsübungen durchgeführt werden können. Des Weiteren ist der Bewegungsumfang erguss- und schmerzadaptiert freigegeben. Nach 6 Wochen kann mit leichten Aktivitäten wie Laufen oder Fahrrad fahren begonnen werden, die volle Aktivität sollte erst nach 3 Monaten erlaubt werden.

Im Vergleich dazu wurde bei der Adduktor-magnus-Tenodese zuletzt eine stufenweise Mobilisation beschrieben. Eine Orthesenanpassung für 6 Wochen ist notwendig, eine Vollbelastung erst nach 4 Wochen möglich. Die Orthese wird für zwei Wochen auf 10° Flexion fixiert, danach ist für weitere 2 Wochen eine ROM von E/F 0/0/30° und die letzten 2 Wochen E/F 0/0/60° möglich.

Unsere Leistungen

Prof. Dr. med. Philip Schoettle
KNEE AND HEALTH INSTITUTE
Sprechzeiten Montag bis Freitag nach Vereinbarung

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